Automobiliar Schreiber, Visual

1954-1961

Borgward Isabella

Als "gekonnte Metamorphose des einst so schwer und massiv wirkenden alten Hansa 1500" begrüßte "Auto Motor & Sport" die Borgward Isabella, die mit ihren "flüssigen Linien " und ihrer "grazilen Form" diesen "Frauennamen verdient" hat.
(Heft 13/1954 S.9)
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Erik Eckermann
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Borgward Isabella
Isabella Matern
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Das Echo von Presse und Publikum veranlaßte das Bremer Werk tatsächlich, die vorgesehene Modellbezeichnung "Hansa 1500" zugunsten des bisher inoffiziell und werkintern benutzten Namens "Isabella" fallenzulassen - eine glückliche Entscheidung.
Denn die italienische Form des spanischen Vornamens Isabel traf die nach Sonne und Süden lechzenden Deutschen mitten ins Gemüt, zumal das Wort auch noch an bello, bella=schön, angelehnt ist.

"Das Bestechende an der Isabella", so faßte die Motor- Rundschau (Heft 23/1954 S.850) zusammen, "sind die schnittige Form und Großräumigkeit, das Temperament und Tempo bei flacher und niedriger Verbrauchskurve". Autotester Joachim Fischer betrachtete nicht nur die elegante Form auf einer Grundfläche von nur 7,5 m² als eine "seltene und beachtliche Leistung", sondern auch das Gesamtkonzept:

Mit einer 60 PS/44KW-Maschine und einem Leergewicht von 1100 kg übertrug die Isabella die jenseits der Alpen angewendete Philosophie sportlicher, dennoch alltagstauglicher Mittelklassewagen in Kompaktbauweise nach Nordeuropa - und stellte mit einem Leistungsgewicht von 16,6 kg/PS, sowohl die Giulietta 1300 von Alfa Romeo (17,4 kg/PS) als auch den Lancia Appia (21,6 kg/PS) und sogar den Straßenschreck, Fiat 1100 TV (16,8 kg/PS) in den Schatten.

"So entstand...", um noch einmal die Motorrundschau zu zitieren, "...ein ganz neuer Borgward-Wagen, der nicht nur den deutschen, sondern auch den europäischen Markt bereichert und wieder zu neuen Anstrengungen in der Mittelklasse zwingt". Wie wahr.
Nicht einer der deutschen Konkurrenten konnte im Erscheinungsjahr 1954 und auch später der Bremer Lady Paroli bieten, was gutes Aussehen, Temperament, Wirtschaftlichkeit, Fahrsicherheit und Platzangebot betraf.

Erst ab 1962, ein Jahr nach dem Fall Borgwards, übernahm BMW mit der neuen Modellreihe 1500/1800/1600/2000 die von Bremen hierzulande eingeführte Auslegung der sportlichen Familien-Limousine, heute eine Selbstverständlichkeit bei nahezu allen Automobil-Herstellern.

Herzstück der Isabella war der von Motorenkonstrukteur Karl Ludwig Brandt (1907-1990) entwickelte 1,5 Liter-Vierzylinder.

Die hohe Hubraumleistung von:

40,2 PS/l (29,6 kW/l)

zum Vergleich:

1953-57 Mercedes 29,4 PS/l (21,7 kW/l)
1953-55 Opel Olympia Rekord 26,9PS/l (19,8 kW/l)

hatte Brand durch einenströmungsgünstigeren Ansaugkrümmer, durch höhere Verdichtung und Drehzahlen und durch Änderung des Bohrung/ Hub- Verhältnisses erreicht - moderatere Änderungen als gegenüber der 1,5 l Ausgangsmaschine aus dem alten Hansa 1500 (1949-52) die, wiederum aus dem 1,4 l-Aggregat des Lieferwagens B 1000 aus der Vorkriegszeit abgeleitet war.

Der im Grunde einfach ausgelegte Motor - untenliegende Nockenwelle, ein Vergaser - war preiswert in der Herstellung. Er brachte es auf Laufleistungen von mehreren Hunderttausenden von Kilometern, auch dank eines Nebenstromölfilters, damals Merkmal teurer Wagen.

Auch drumherum war nicht gespart worden. Motor, Getriebe, Radaufhängung und Lenkung sind auf einem Fahrschemel zu einer Baugruppe zusammengefaßt, die elastisch in der Karosserie hängt und im Reparaturfall leicht ausgebaut werden kann.
Die hydraulische Kupplungsbestätigung, übrigens die erste in einem deutschen Mittelklassewagen, verhindert Vibrationen und Kupplungsrupfen beim Gangwechsel. Der erfolgt über ein vollsynchronisiertes Viergang- Getriebe mit Lenkradschaltung.

Unüblich im deutschen Automobilbau waren damals auch hängende Pedale. Hinten kam, typisch Borgward, die zu einer Baugruppe zusammengefaßte Zweigelenk-Pendelachse mitSchubstreben zum Einbau, während die vordere Radaufhängung aus unterschiedlich langen Querlenkern oben und unten bestand. Vorn und hinten Schraubenfedern mit Tele-Dämpfern, vorn zusätzlich ein Stabilisator.

Die Fahrwerksteile hängen in einer selbsttragenden Ganzstahlkarosserie - mit glatter Bodenfläche- auch heute noch nicht selbstverständlich. Die Kotflügel sind mit der tragenden Struktur verschraubt und können schnell und ohne Schweißarbeiten ausgewechselt werden. Dank der bis zum Bodenblech (mit Reserveradaufnahme) heruntergezogenen Heckklappe kann der Kofferraum bequem beladen werden - bei den meisten Konkurrenzmodellen mußte das Ladegut über ein Heckabschlußblech gewuchtet werden.

Und als weiteres Bonbon für Fahrer und Beifahrer können die Dreiecksfenster an der A-Säule heruntergekurbelt werden- gegenüber den damals üblichen Schwenkfenstern eine konstruktiv aufwendige Angelegenheit und von Borgward wohl aus patentrechtlichen Gründen gewählt.

"Noch tiefer...war die Fachwelt vom Preis der Isabella beeindruckt. 7200 DM für ein derart geräumiges Fahrzeug mit überdurchschnittlicher Ausstattung und 60 PS-Maschine...", wunderte sich Auto, Motor & Sport, "...bedeuteten allseits eine gewaltige Überraschung... der leise Verdacht... ob nicht doch hier und da zugunsten dieses Preises gewisse Zugeständnisse in Kauf genommen werden müßten", entkräftete die Isabella mit den weiter oben genannten Qualitäten. So schloß das Blatt seinen Testbericht mit: "Glück auf, Isabella!"
(Heft 20/1954 S. 13)

Dank der Isabella ging es mit Borgward tatsächlich bergauf. Wurden von den Vorgänger-Modellen Hansa 1500, 1800 und 1800 Diesel von 1949 bis 1954 insgesamt 33.841 Stück gebaut, brachte es die Isabella in ihrer achtjährigen Produktionszeit auf rund 203.000 Exemplare, alle Ausführungen mitgezählt.

Gegenüber den unmittelbar konkurrierenden Massenherstellern Opel und Ford wirkten die Produktionszahlen der Isabella als individualistisches Fahrzeug naturgemäß bescheiden, doch konnten beispielsweise in den Jahren 1958 und 1959 mehr Isabellen produziert werden als vom Mercedes 180 mit Benzinmotor. Nicht meßbar dagegen war der Prestigegewinn, den die Isabella und ihre Sonderausführungen dem Bremer Werk verschafften.

Nach der Isabella in der 60 PS Grundausführung 1954 erschienen in rascher Folge:

1955 Cabriolet 60 PS auf Limousinen Basis Karosserie, Deutsch
1955 Kombi 60 PS --- ---
1955 TS 75 PS --- ---
1957 Coupé 75 PS --- ---
1957 TS Deluxe 75 PS --- ---
1957 Cabriolet 75 PS auf Coupé Basis Karosserie, Deutsch
1959 Cabriolet 75 PS auf Limousinen Basis Karosserie, Deutsch

Technische Daten:

Motor:

Wassergekühlter Benzin-Viertakt-Reihenmotor 4M1,5 II, vorn längs eingebaut, 4 Zylinder, 1493 cm³, 60PS/44kW bei 4700 U/min, Bohrung x Hub 75 x 84,5 mm, Verdichtungverhältnis 6,8:1, max. Drehmoment 11 mkg (108 Nm) bei 2400 U/min, mittlere Kolbengeschwindigkeit bei Nenndrehzahl 13,2 m/sec, dreifachgelagerte Kurbelwelle, untenliegende Nockenwelle (Stirnradantrieb), je 1 hängendes Ein- (ø 35 mm) und Auslaßventil (ø 30 mm, gepanzert), über Stößelstangen und Kipphebel betätigt, Wasserpumpenkühlung mit thermostatisch gesteuertem Kühlerventilator, Kühlmittelinhalt ca. 7 l, Druckumlaufschmierung mit Ölfilter im Nebenstrom, Ölinhalt 4,5 l, Fallstromvergaser Solex 32 PICB, Kraftstofförderung durch Membranpumpe

Elektrische Anlage:

Batterie 6 V 84 Ah, Lichtmaschine 130 W bei 2200 U/min, Zündfolge 1-3-4-2, mechanischer Zündverteiler mit Fliehkraft-Unterdruckverstellung, Zündkerzen-Wärmewert 225

Kraftübertragung:

Hinterradantrieb über Gelenkwelle, Einscheiben-Trockenkupplung mit hydraulischer Betätigung, vollsynchronisiertes Viergang-Getriebe mit Lenkradschaltung, Untersetzungen: I 4,18; II 2,23; III 1,47; IV 1,00; R 4,4; Achsantrieb 39; Kegelrad-Ausgleichgetriebe mit Hypoidverzahnung

Fahrwerk:

Einzelradaufhängung vorn an ungleich langen Dreieck-Querlenkern, Schraubenfedern, Teleskop-Schwingungsdämpfern und Torsionsstabilisator; Zweigelenk-Pendelachse hinten mit Längslenkern, Schraubenfedern und Teleskop-Schwingungsdämpfern; Einfinger-Lenkung, mittl. Untersetzung 14,27:1; Wendekreis 11 m, 3,17 Lenkradumdrehungen; hydraulische Bremse (Duplex vorn), Gesamtbremsfläche 744 cm², Feststellbremse mechanisch auf Hinterräder; (Diagonal-)Reifen 5,90-13, Stahlscheibenräder 4Jx13

Karosserie:

Selbsttragende Ganzstahlkarosserie mit angeschraubten Kotflügeln und 2 Türen; Luftwiderstandsbeiwert cw=0,40; Sitzbänke vorn und hinten für 4-5 Personen, Sitztiefe v/h 50/45 cm; Motor- und Kofferklappe von innen zu entriegeln; kurbelbare Dreieck-Lüftungsfenster in den Türen, austellbare Seitenfenster; Frischluft- und Heizungsanlage; 40 l-Tank im Heck hinter Kotflügel rechts

Abmessungen und Gewichte:

Außenabmessungen: 4390x1705x1465 mm
Radstand: 2600 mm
Spur (v/h): 1336/1360 mm
Bodenfreiheit (belastet): ca. 175 mm
Leergewicht: 1020 kg
Gewichtsverteilung (v/h): 48,57/51,43 %
zul. Gesamtgewicht: 1375 kg

Leistungsdaten:

Spezifische Leistung: 40,2 PS/l (29,5 kW/l)
Leistungsgewicht: 16,7 kg/PS (22,7 kg/kW)
Höchstgeschwindigkeiten und Bergsteigfähigkeit (%, voll bel.):

IV. Gang: 135 km/h u. 10,4 %
III. Gang: 90 km/h u. 14,5 %
II. Gang: 55 km/h u. 23,3 %
I. Gang: 30 km/h u. 44,7 %

Testverbrauch: 8,7 l/100 km (lt. "Auto Motor & Sport", Heft 20/1954 S. 15 und "Motor Rundschau", Heft 23/1954 S. 85)
Beschleunigung 0-100 km/h: 25 s

Steckbrief:

Preis: DM 7200,- incl. Heizung,
Produktionsbeginn: Juni 1954,
Produktionsende: September 1961,
Stückzahl: 165.466 (alle Versionen außer Kombi)

Modellpflege:

1955: Verbesserungen an Motor, Fahrwerk und Federn, Änderung an Getriebeuntersetzungen
1956: Vereinfachung des Kühlergrills
1957: Neues Armaturenbrett, geändertes Lenkrad, größerer Benzintank (48 l), verbesserte Innenausstattung
1958: Kleinerer Rhombus im Kühlergrill, Kotflügel hinten geändert, Kofferraum um 6 cm verlängert, Rückfahrscheinwerfer serienmäßig, Einschlüsselsystem

© 1997 - 2006 Erik Eckermann